Montag, 13. Juli 2015

Neuerscheinung, Das Lilienhaus von Sarah Harvey

Neuerscheinung!
Die Liebe Sarah Harvey hat am heutigen Montag ihr neues Buch veröffentlicht und das will ich euch nicht vorenthalten und ans Herz legen. Sie schreibt wunderbar lustig, aber auch mitreißend, ihr solltet mindestens ein Buch von ihr gelesen haben.
Ich wünsche Sarah viel Glück mit diesem tollen Buch <3

Über Sarah Harvey: 
Sarah Harvey, geboren 1969, lebte viele Jahre in einem alten Herrensitz in Cornwall. Vor Kurzem ist sie wieder zurück in ihre Heimat Northhampton gezogen, wo sie heute gemeinsam mit ihren Hunden in einem Cottage wohnt. Mit ihren atmosphärischen Romanen, die häufig den Schauplatz Cornwall haben, feiert sie seit vielen Jahren große internationale Erfolge.


Inhalt:
Als ihre Mutter stirbt, reist Ellis für die Beerdigung in ihre Heimat Cornwall. Ihr Leben scheint an einem Tiefpunkt angelangt: Ihr Mann betrügt sie, und der Tod der Mutter Rose ruft schmerzhafte Erinnerungen daran wach, wie ihr geliebter Vater vor vielen Jahren spurlos verschwand. Beim Sichten der Hinterlassenschaften stößt Ellis auf das Foto einer mysteriösen jungen Frau, deren Schönheit betörend ist. Welche Rolle mag sie im Leben ihrer Eltern gespielt haben?

Leseprobe

Der Sturm war so heftig, dass er einen brüllenden Riesen gebar, der mit geballten Fäusten gegen die Tür hämmerte, wohl wissend, sie würde schon bald unter seinen entfesselten Schlägen nachgeben. Den Geräuschen nach zu urteilen, schienen die Scheiben des unglaublich großen Gewächshauses unter der gewaltigen Kraft des Ausbruchs jeden Moment zu bersten.
Doch während draußen das Unwetter wütete, war es im Inneren der Oase aus Glas ruhig.
Eine andere Welt.
Die weitläufige Orangerie, wenn auch nahtlos an die alten Steinmauern des Hauses angefügt, bildete auf wundersame stille Weise einen in sich geschlossenen Fremdkörper in der kurzzeitig so außer Rand und Band geratenen Landschaft Cornwalls. Bis unters Dach voll mit tropischen Grünpflanzen und ihren bunt blühenden Artgenossen, hob es sich geradezu irrwitzig vom kalten Grau draußen vor der Tür ab.
Ein gezähmter Dschungel, der in all seiner Schönheit nur einer einzigen blühenden Blume Tribut zollte: der Lilie.
Im Herzen des Atriums unter einer Glaskuppel gab es eine freie Fläche, klar umrissen von einem verzierten Kreis aus aufwendig bemalten Bodenfliesen. In der Mitte des Kreises befand sich ein in gleichem Maße prächtig verzierter schmiedeeiserner Tisch mit zwei filigranen Stühlen, an dem eine Frau saß: Urheberin und schöpferische Kraft dieses Ortes.
Aus der Ferne betrachtet könnte ihre feingliedrige und elegante Gestalt zu einer jungen, schlanken Frau gehören, doch bei näherer Betrachtung verrieten ihr bereits silbrig durchzogenes Haar und ihre umschatteten blauen Augen in der Farbe eines bleichen Sommerhimmels ihr wahres Alter – sie hatte die Sechzig bereits knapp überschritten.
Scheinbar gleichgültig gegenüber dem Inferno vor ihrer Haustür, goss sie sich ein großes Glas Gin aus einer runden Flasche Hendrick’s aus dunklem Apothekerglas ein, die vor ihr auf dem Tisch stand. Beim ersten kleinen Schluck verzog sie noch das Gesicht, dann nahm sie einen größeren, und diesmal schwenkte sie den scharfen Alkohol durch den Mund, bevor sie ihn resolut hinunterschluckte.

 ----

 TEIL I
Cornwall

 1

Der Sonnenaufgang schien sich an diesem eisigen Novembermorgen zu verspäten. Mühsam kämpfte er sich durch eine dichte, dunkle Wolkendecke, die die Spitzen des hügeligen Moorlands mit ihren kalten Lippen küsste. Die endlose Straße, die zwei Grafschaften durchschnitt, war eingehüllt in dicht über dem Boden schwebenden Nebelschwaden, als Ellis Taylor am Bodmin Moor vorbeikam. Alles, aber auch alles wurde hier verschluckt und in ein unheimliches, gespenstisches Grau getaucht.
An der nächsten Abzweigung bog sie von der A30 ab auf eine Landstraße, die sie nach Hause bringen würde. Allerdings sagte sie nur, sie führe »nach Hause«, weil sie an den Ort zurückkehrte, an dem sie als Kind gelebt hatte und zu einer jungen Frau herangewachsen war. Und wenn Ellis sich angesichts der vielen Ungewissheiten in ihrem Leben zumindest einer Sache sicher war, dann der Tatsache, dass sie nicht mehr wusste, ob sie überhaupt noch ein Zuhause hatte.
Zuhause war sicher nicht der Ort, von dem sie gerade kam und wo sie mit Edward, ihrem Mann, die letzten zwölf Jahre gelebt hatte. Und es war auch nicht der Ort, zu dem sie gerade auf kurvenreichen Straßen durch das windgepeitschte Moorland unterwegs war und der keinerlei heimelige Gefühle in ihr weckte.
Ihre Gedanken wurden begleitet von einer leise im Hintergrund laufenden Mozart-Sonate. Leise deshalb, weil sie beim Nachdenken keine laute Musik ertrug.
Heute Morgen hatte Edward sie zum Abschied geküsst, doch an seinen Lippen klebte bereits der bittere Nachgeschmack seiner Schuldgefühle.
»Ich sollte dich wirklich begleiten«, flüsterte er ihr ins Ohr und zog vor lauter Gewissensbissen eine Art Schmollmund. »Aber du weißt, dass der Termin heute schon seit Monaten feststeht … Ich kann wirklich nicht mitkommen. Du kommst doch alleine klar, oder?«
Sie gab sich nicht sonderlich Mühe, ihn in dem Glauben zu bestärken, dass sie damit schon irgendwie alleine klarkam, wie sie es sonst immer getan hatte. Dieses eine Mal hätte er ihr ohne Wenn und Aber zur Seite stehen müssen. Es war völlig egal, wo er seiner Meinung nach an diesem Tag unbedingt zu erscheinen hatte. Am Tag der Beerdigung ihrer Mutter. Was auch immer er für Gründe anführte, sie wusste sowieso instinktiv, dass er ihr etwas vormachte. Und selbst wenn seine Ausflüchte nicht gelogen waren, spielte es keine Rolle, wie er die Situation oder sie ihre Beziehung einschätzte: Er war immer noch ihr Ehemann, und nur deshalb gab es nicht einen einzigen guten Grund, ihr heute nicht beizustehen. Es gab nur hohl klingende Entschuldigungen.
Ellis fand, wer sich ständig entschuldigte, der kümmerte sich nicht mehr wirklich um den anderen, nahm keine Rücksicht mehr und handelte auch nicht mehr aus Liebe.
Handelte sie aus Liebe, wenn sie jetzt zu dem Haus fuhr, in dem sie ihre Kindheit verbracht hatte? Irgendwie schon, aber es drehte sich um eine andere Art von Liebe. Die zwischen Mutter und Tochter, wenn auch nur schwach ausgeprägt. Andere Leute gerieten ins Schwärmen, wenn sie über die Liebe zu ihren Kindern sprachen. Aber die Beziehung von Rose James zu ihrer Tochter Ellis war immer merkwürdig gewesen, und zwar richtig. Auch deshalb, weil Rose so ein merkwürdiger Mensch gewesen war. Kühl und unzugänglich. Genau wie die Moore Cornwalls, die das Markenzeichen der Gegend waren, in der sie gelebt hatte. Wunderschön und doch so trostlos – und feindselig.
Als Ellis vor vielen Jahren als naiver Teenager nach London gezogen war, hatte sie vielleicht noch gehofft, dass ihr Verhältnis sich bessern würde, aber je weiter sie voneinander weg waren, desto schlechter schien es zu werden. Die Distanz zwischen ihnen ließ ihre Herzen nicht weicher werden, im Gegenteil, beide Frauen entfernten sich innerlich noch mehr voneinander, und die Besuche wurden immer seltener.
Erst vor Kurzem hatte Ellis das Gefühl gehabt, dass sich etwas veränderte. Allerdings ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, dass es nun bereits fast zu spät war. Ellis war überrascht gewesen, so etwas wie Unsicherheit an ihrer Mutter wahrzunehmen. Zeit ihres Lebens hatte Rose James eine Fassade aus purem Stahl zur Schau getragen, und doch entdeckte Ellis eines Tages ein paar Risse in dieser kalten, grauen Hülle, ein ängstliches Zittern. Der abweisende Blick ihrer Mutter war plötzlich wie weichgezeichnet durch einen glänzenden Schimmer aus zurückgehaltenen Tränen, und sie sagte Dinge, in denen fast so etwas wie Bedauern mitschwang.
Bei ihrem letzten Besuch hatte Rose sogar eine Hand ausgestreckt und sie berührt, ein seltener Moment mit Körperkontakt, und sie hatte diesen Satz geflüstert, der aus ihrem Mund geradezu aggressiv klang: »Du weißt aber schon, dass ich dich immer geliebt habe.«
Natürlich wäre die ehrliche Antwort ein klares »Nein« gewesen. Nein, das wusste sie bei Gott nicht, sie war einfach immer davon ausgegangen, dass sich irgendwo in diesem kalten Herzen ein bisschen Liebe für sie befand, die aber nur äußerst selten darüber hinausging, ihr täglich die Haare zu bürsten, die Strickjacke zuzuknöpfen und darauf zu achten, dass sie das Gemüse aufaß. Jetzt rang Ellis sich ein Lächeln ab und murmelte »Ja, klar«, denn tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie es eines Tages bereuen würde, wenn sie es nicht gesagt hätte.
Mit anzusehen, wie jemand, der sich stets unter Kontrolle gehabt hatte, plötzlich immer zerbrechlicher wurde, brachte eine Saite in ihr zum Klingen, die sich seltsamerweise und nicht ganz ohne Ironie mütterlich anfühlte, und sie zog unerwartet die Möglichkeit in Betracht, zum ersten Mal in ihrem Leben von ihrer Mutter gebraucht, vermisst und vielleicht ein bisschen geliebt zu werden.
Sie hatte sogar beschlossen, sie öfters zu besuchen. Doch dazu war es jetzt zu spät. Diese Reise nach Hause diente nicht mehr dem Versuch, das Band zwischen ihnen zu festigen, das über die Jahre so brüchig geworden war, dass es bei dem kleinsten Hinweis auf Unstimmigkeiten riss. Sie fuhr nur noch nach Hause, um Abschied zu nehmen.
Ellis hing ihren Gedanken und Erinnerungen nach. In den Kegeln ihrer Scheinwerfer zog die trostlose und doch irgendwie wunderschöne Landschaft des Hochmoors an ihr vorbei. Deshalb sah sie das Tier erst im allerletzten Augenblick, als es schon fast zu spät war.
Ein kleiner Hirsch, ein Muntjak, zeichnete sich in der Dämmerung als Silhouette gegen das Morgenlicht ab. Klein, aber kräftig, stand er auf den Hinterbeinen stolz und erstaunlich behände mitten auf der Straße. Ellis trat auf die Bremse, spürte, wie die Räder ihres kleinen BMWs blockierten und sie auf der nebelnassen Straße ins Schleudern geriet. Das Auto brach hinten aus und drehte sich nach links.
Ellis ging noch durch den Kopf, wie dumm es von ihr war, aber sie konnte nicht anders: Sie kniff die Augen zu, rammte den Fuß noch fester aufs Bremspedal – und machte somit genau das, was man nicht tun sollte. Sie verkrampfte sich und wartete auf den unvermeidlichen Aufprall im Graben oder gegen die Leitplanke, und deshalb brauchte sie einen Augenblick, um zu kapieren, dass ihr schleuderndes Auto von alleine stehen geblieben war. Und selbst danach dauerte es noch einen Moment, bis sie die Augen wieder aufbekam. Sie hatte sich mehrmals um die eigene Achse gedreht.
Das Erstaunlichste aber war, dass der Hirsch immer noch genau an derselben Stelle stand und sie unverwandt anstarrte, bis er mit einem Mal, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und damit einen Automaten zum Leben erweckt, abdrehte, über eine Hecke sprang und verschwand.
Ellis rührte sich nicht, selbst als ihr bewusst wurde, dass ihr Wagen schräg über beide Spuren der Gott sei Dank unbefahrenen Landstraße stand. Ihr Puls fing an zu rasen, als das Adrenalin endlich durch ihre Adern jagte. Ihre Hände schienen am Steuer festzukleben.
Schließlich öffnete sie das Fenster und atmete einmal tief durch. Und als die frische Luft in ihren Lungenflügeln ankam und sie feststellte, dass auch ihr Herz noch schlug, wenn auch zu schnell, da schoss es ihr wie im Zeitraffer durch den Kopf, wie rasant doch alles vorbei sein konnte und dass sie zum Glück ihr Leben noch vor sich hatte, bunt und verheißungsvoll mit all seinen schrecklichen und glücklichen Momenten. Und in diesem Augenblick, als ihre Gedanken sich im Kreis drehten wie ihr Auto vor ein paar Minuten, begann sie aus vollem Hals zu lachen.


2

Eigentlich hatte sie vorgehabt, gleich zum Haus zu fahren, aber die Zeit war zu knapp.
Sie hatte noch mindestens weitere zehn Minuten mitten auf der Straße zwischen den Bremsspuren gestanden, bis die Lichter eines herannahenden Autos sie aufscheuchten. Es war ganz einfach, sie musste nur den Motor starten und auf den nächsten Parkplatz fahren. Dort verbrachte sie noch mal zehn Minuten, bis ihr Herzschlag sich so weit verlangsamt hatte, dass er nicht mehr das Einzige war, was sie wie einen zu schnellen Trommelschlag hören und spüren konnte. Danach war sie ausgestiegen und im kalten Wintermorgen ein paarmal um ihren Wagen gelaufen.
Von außen war von dem ganzen Vorfall nichts zu sehen.
Dass überhaupt etwas passiert war, verrieten nur ihre immer noch leicht zitternden Hände auf dem Lenkrad, nachdem sie wieder eingestiegen war und die Fahrt durch die Grafschaft fortsetzte. Mittlerweile war es hell geworden, und die raue Ginsterlandschaft wechselte sich mit braunem Farndickicht ab, unterbrochen von tiefen, runden Seen mit grauem eisigen Wasser, geduckten Bauernhöfen und beisammenstehendem Vieh und Herden von wilden Moorland-Ponys mit dickem Winterfell.
Auf der nächsten Etappe ihrer Reise tauchten urplötzlich entlang der Landstraße vom Wind gebeugte Bäume auf, die einen Tunnel bildeten. Danach ging die weitläufige Kargheit von vorher in weichere Gefilde mit sanft abfallenden Wiesen über. Zwischendrin standen mit Licht gesprenkelte Wälder, in die das Meer spielerisch Mündungen und Flussarme hineinschickte, durch deren Salz- und später Süßwasser sich alles, was mit ihnen in Berührung kam, von braun und unfruchtbar zu üppig und saftig grün verwandelte.
Schließlich führte die Straße Ellis hinunter zur Brandung der Keltischen See und zu einem kleinen Ort an der Südküste, an dessen Ortsende jenes viel zu große, wie aus einer anderen Zeit stammende Haus – von allen nur Great House genannt – stand, zu dem sie nur widerwillig zurückkehrte, obwohl sie dort ihre prägenden Jahre verbracht hatte.
Ellis war insgeheim froh über ihre Verspätung, diente sie ihr doch als Ausrede dafür, nicht als Erstes zum Haus fahren zu müssen. Seit dem Tod ihres Vaters vor so vielen Jahren hatte das Anwesen jegliche Anziehungskraft für sie verloren. Ihr Zuhause war damals zu einem Ort geworden, von dem man weglief und nicht umgekehrt. Alles schien dort mit ihrem Vater angefangen und geendet zu haben. Er hatte ihrem Leben, ihrer Kindheit, den Anschein von Normalität verliehen, und mit seinem Verlust blieb nur noch dieses merkwürdige Verhältnis zu ihrer Mutter übrig. Ellis war einsam gewesen – und voller Schuldgefühle, weil sie insgeheim nicht gegen den übermächtigen Wunsch angekommen war, dass doch besser der andere Elternteil gestorben wäre, wenn sie schon einen so schweren Verlust hinnehmen musste.
Wie so oft, wenn man jemanden verliert, ist man mit nichts als Erinnerungen an die Momente beschäftigt, die man mit der Person verbracht hat, und so begleitete Rose James ihre Tochter auf der gesamten Fahrt von London nach Cornwall. Ihre Mutter war natürlich nicht immer unfreundlich zu ihr gewesen, aber ihr brüskes und wenig entgegenkommendes Verhalten wirkte schnell gefühllos auf andere, weil sie alle Dinge im Leben pragmatisch, sachlich und ohne ein Lächeln erledigte.
Selbst im Angesicht des Todes hatte Rose jedes noch so winzige Detail ihrer eigenen Beerdigung festgelegt. Ellis musste an nichts denken und lediglich pünktlich zur Stelle sein. Anlass zum Grübeln boten ihr nur die Fragen, die bei jedem unerwarteten Todesfall das Vermächtnis der Toten an die Hinterbliebenen waren. Und natürlich die unangenehme Wahrheit, dass Ellis ihre Reaktion auf den Tod der Mutter so kalt und gefühllos fand, wie Rose ihr Leben lang auf sie gewirkt hatte.

Ellis war überrascht, als sie auf die schmale Straße, die zur Kirche führte, einbog und die vielen Autos sah. Nach dem Tod ihres Mannes Alexander war Rose zur Eigenbrötlerin geworden, und sie hatte sich ausdrücklich eine Beerdigung im kleinsten Kreis gewünscht, sodass Ellis mit nur wenigen Anwesenden gerechnet hatte.
Ellis musste weit weg von der Kirche parken, was sich letzten Endes als Segen erwies. Denn als sie schließlich aus dem Auto stieg, stellte sie fest, dass sie immer noch zitterte. Sie hatte den Wagen ganz am Ende im Schatten des Kliffs abgestellt, direkt vor dem goldenen Sandstrand, an dem sie an sonnigen Tagen als Kind so oft mit ihrem Vater gewesen war. Gemeinsam hatten sie Felstümpel inspiziert, Steine flitschen lassen und barfuß in der Brandung getanzt.
Sie blieb einen Moment reglos stehen und versuchte, das Zittern in den Griff zu kriegen. Das Adrenalin, das sie aufgeputscht hatte, ließ nach, und plötzlich fühlte sie sich so schwach und machtlos wie ein Kind. Ihr Blick wanderte über den windgepeitschten Strand hinaus auf den aufgewühlten, an Land donnernden Ozean. Sie sog die unvergleichlich saubere Meeresluft ein, und auf einmal sah sie ein Bild ihres Vaters vor sich, so deutlich, dass sie beinahe nach ihm gerufen hätte.
Er hockte vor einem ausladenden Felstümpel, und sein Hintern berührte beinahe den Sand. Seine Knie wurden dreckig von dem mit Algen überwucherten Fels, und gemeinsam starrten sie in die Tiefen des Tümpels. Mit dem Finger einer Hand deutete er auf etwas im Wasser, und mit der anderen Hand hielt er sie fest, als sie sich vornüberbeugte und seine Anweisungen befolgte. Sie lachten.
Und dann verschwand das Bild wieder. Ellis schloss die Augen und ließ sich vom Wind eisige Küsse ins Gesicht pusten. Und sie erinnerte sich an ein Gedicht, das ihr an dieser Stelle immer einfiel …

O thou ever restless sea
God’s half uttered mystery
Where are all the ships that sailed so gallantly away
Tell us, will they never more
Furl their wings and come to shore
Eyes still watch and fond hearts wait; precious freight had they …

Der Wind verschluckte ihre Worte, und als sie die Augen wieder aufschlug, stellte sie fest, dass ihre Wangen nicht nur vom Salzwasser der Brandung feucht geworden waren.
»Dad, ich vermisse dich so«, sagte sie leise und berührte das Medaillon, das er ihr geschenkt hatte. »Wo auch immer du bist …« Dieser letzte Satz fasste das Schlimmste an seinem Tod in Worte.
Die Ungewissheit.
Sie war froh über jede Minute, die es dauerte, wieder nach oben ins Dorf zu laufen, und ebenso froh über die Kälte und den beißenden Wind, der zwar ihr schulterlanges dunkelblondes Haar in Zuckerwatte verwandelte, ihr aber gleichzeitig einen freien Kopf verschaffte und sie das Zittern vergessen ließ.
Als sie sich der Kirche näherte, begann es zu regnen, ein Eisregen, der noch nicht ganz zu Graupel geworden war, ihr aber die perfekte Ausrede bot, ihr Gesicht unter der mit Pelz gesäumten Kapuze ihres langen schwarzen Mantels zu verbergen.
Sie war mit gemischten Gefühlen hergekommen, und mit einem Anflug von Schuld, der etwas Farbe auf ihre blassen Wangen brachte, schoss ihr plötzlich durch den Kopf, dass sich ihre Ankunft in der Kirche so anfühlte, als ginge sie auf eine Party, die sie eher aus Pflichtgefühl denn aus wirklichem Interesse besuchte, und das Einzige, worüber man nachdachte, war, wie man unauffällig gleich wieder abhauen könnte.
Ellis schnappte hörbar nach Luft. Wie in aller Welt konnte sie das hier mit einer Party vergleichen? Löste die Trauer eine derartige Reaktion in ihr aus, oder lag es an der Erziehung, die sie durch die Frau erfahren hatte, die jetzt zerbrechlich und leblos in der Kirche auf sie wartete?
Ihre Mutter war gestorben, aber Ellis wusste immer noch nicht genau, was dieser Verlust für sie bedeutete. Sie spürte, dass sie noch nicht einmal begonnen hatte zu trauern. Sie wusste das aus dem einfachen Grund, weil die Trauer über den Tod ihres Vaters sofort wie eine Welle aus schrecklichen Gefühlen über ihr zusammengebrochen war.
Ganz anders als diese Taubheit, die sie jetzt erfasst hatte. Sie war sich nicht sicher, ob es vielleicht einfach ein verzögerter Schock war, denn Roses Tod war so völlig unerwartet gekommen. Man hatte immer gedacht, sie erfreue sich allerbester Gesundheit, zumindest körperlich. Alle, die sie gekannt hatten, waren davon ausgegangen, Rose würde noch im hohen Alter dem Tod ein Schnippchen schlagen und sie mit der ihr eigenen Zähigkeit überleben.
Obwohl sie mit niemandem reden wollte, freute sie sich doch, als sie Reverend Jonathan Peters sah, der unter einem grün-weiß gestreiften Regenschirm vor der Kirche auf sie wartete. Er war ein langjähriger, liebenswerter Freund ihres Vaters gewesen, der oft im Great House vorbeigekommen war und ihren Vater überredet hatte, die Arbeit liegen zu lassen und mit ihm segeln zu gehen.
Segeln war die große Leidenschaft ihres Vaters gewesen, und seine Art zu entfliehen. Unerreichbar zu sein. Auf dem Wasser wirkte er immer am glücklichsten, und der einzige tröstliche Gedanke war der, dass er auf hoher See verschwunden war.
Der Reverend begrüßte sie mit einem mitfühlenden, ehrlichen Lächeln. »Meine liebe Ellis, da bist du ja, da bist du ja. Wir fingen gerade an, uns Sorgen zu machen. Wie geht es dir? Wahrscheinlich eine dumme Frage, aber es ist so lange her, dass wir uns gesehen haben. Wie war deine Fahrt? Was macht London? Wo ist dein Ehemann? Ist Edward denn nicht mitgekommen?«
Er gehörte zu den Menschen, die tausend Fragen auf einmal stellen, aber keine Pause einlegen, um eine Antwort abzuwarten. Nicht gerade der beste Charakterzug für einen Priester, aber alle Mitglieder seiner Gemeinde schätzten ihn sehr, und Ellis war ihm einfach nur dankbar, dass er sie, während er weiterhin auf sie einredete, am Arm nahm und in die hohe Vorhalle des alten Steingemäuers führte, und sie nichts davon beantworten musste. Er schloss seinen Regenschirm, schüttelte ihn aus und schien gar nicht zu bemerken, dass er Ellis mit den herumfliegenden Tropfen eine Dusche verpasste.
Ellis sog den ihr so vertrauten Geruch nach Feuchtigkeit, alten Büchern und Weihrauch ein, und die Sehnsucht nach der Vergangenheit loderte wie ein Feuer in ihr auf.
Sie war zum ersten Mal hier seit …
Und genau wie am Strand vorhin wurde sie wieder von dieser Welle aus Verzweiflung über den Verlust ihres Vaters überrollt. So fühlte sich echte Trauer an. So sollte sich echte Trauer anfühlen.

Quelle: Piper Verlag

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